Geberkonferenz 2017

zur Geberkonferenz für Frauen- und Mädchenprojekte 2017

Gliederung – Themen – Brainstorming

Anknüpfend an die Vorrednerin Frau Prof. Susanne Porsche möchte ich auf die soziale Situation, d. h. auf die Lebenssituation von Mädchen und Frauen, eingehen.

Es sind heute Abend eine Vielzahl sozialer Einrichtungen anwesend, die sich in ihrer Bandbreite mit der Situation von Mädchen und Frauen beschäftigen. Diese Vielzahl kann ich in der Tiefe so in wenigen Minuten nicht abbilden. Aber ich versuche dennoch, Ihnen einen Einblick in die soziale Lebenssituation von Mädchen und Frauen zu geben.

Ich möchte mich dazu auf die Auswirkungen gesellschaftlicher Bedingungen, insbesondere auf die neoliberale Politik und die Haltung, die vorherrscht, beziehen und die Auswirkungen, die sie auf die Situation von Mädchen und Frauen hat, beleuchten. Anhand von ein paar Beispielen möchte ich Ihnen zeigen, dass sich bei Weitem nicht alles für Mädchen/Frauen zum Positiven verändert hat.

Die gängigen Statements fördern und fordern: Jede und jeder ist seines/ihres Glückes Schmied. Heute kann sich doch jede/jeder verwirklichen. Bildung, Beruf, Karriere und Familie zu verbinden ist kein Problem mehr. Man gaukelt den jungen Menschen vor, dass für jeden und jede alles möglich sei. Nur – was passiert mit denen, die das nicht schaffen? Und derer gibt es nach wie vor viele. Wie werden sie angesehen, was löst das für Gefühle in ihnen aus?

Ja, vieles hat sich verändert: Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Karriere für Frauen, Bildungsgewinnerinnen, höherer Anteil an Studentinnen, die gut abschließen, usw.

Aber so geht es nicht allen und nicht alles hat uns vorwärts gebracht.

Hier können Sie den Beitrag als PDF lesen/herunterladen.

Zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf:

Diese Haltung hat dazu geführt, dass sich letztendlich die Rollenerwartung nicht verändert hat, sondern vielmehr festgeschrieben wurde.

Nach wie vor sind Frauen für die Familie und Kinderversorgung zuständig, diese Care-Arbeit wird umsonst geleistet. Sie führt dazu, dass Frauen beruflich in Teilzeit gehen, erheblich geringere Karrierechancen haben und in die Altersarmut rutschen.

Bildungschancen:

Mädchen haben die besseren Noten in der Schule (in der Sekundarstufe II befinden sich 53 % Mädchen und 47 % Jungen, bis zur 9. Klasse in der Sekundarstufe I ist es umgekehrt) und an den Hochschulen ist über die Hälfte der Studierenden weiblich. Auch bei technischen Studiengängen erhöht sich der Frauenanteil, beim Medizinstudium sind sie längst in der Mehrheit.

Das sind ganz allgemeine Statistiken. Nur – wenn wir den Bildungsbericht nach Stadtteilen in München auswerten, kommen wir zu anderen Ergebnissen.

Seit Jahren wissen wir, dass wir in den gleichen Stadtteilen Übertrittsquoten von nur 10 bis 15 % maximal auf das Gymnasium haben und in anderen Stadtteilen Quoten von 90 % und mehr.

Das kann an verschiedenen Beispielen fortgesetzt werden.

In der Soziologie und in der Frauenforschung wird dieser Zusammenhang zwischen der Botschaft und Haltung des Neoliberalismus – Jede/jeder ist ihres/seines Glückes Schmied – als Verdeckungszusammenhang bezeichnet. Er verdeckt, dass sich die Strukturen und Bedingungen nicht verändert haben, sondern schiebt die Probleme auf das Individuum.

Was wird noch verdeckt?

Ich möchte jetzt zu Themenfeldern kommen, die sich nicht verändert haben:

  1. Das Erfahren von Gewalt/sexueller Gewalt:

15 bis 30 % aller Frauen müssen bis zu ihrem 16. Lebensjahr sexuelle Gewalt erfahren. Jede 4. Frau! Meist erlebt im familiären Umfeld. Eine Zahl, die sich im Vergleich zu den 80er-Jahren nicht verändert hat!

Gewalt gegen Frauen hat verschiedene Formen – physische, sexuelle, psychologische und emotionale. Sie sind miteinander vernetzt und betreffen Frauen aller Altersklassen – von Babys bis zu älteren Menschen. Einige Arten der Gewalt wie der Menschenhandel sind grenzüberschreitend. Die weltweit am häufigsten auftretende Form von Gewalt gegen Frauen ist physische Gewalt durch einen vertrauten Partner.

Gewalt gegen Frauen beschränkt sich nicht auf spezielle Kulturen, Regionen, Länder oder einige Gruppen von Frauen. Die Ursachen der Gewaltakte liegen in der anhaltenden Diskriminierung von Frauen. Bis zu 70 % aller Frauen werden im Laufe ihres Lebens Opfer von Gewalttaten.

  1. Die Nutzung des öffentlichen Raums von Jungen und Mädchen in den Stadtteilen – Freizeitstätten für Jugendliche, Skaterplätze usw.

München hat ca. 90 Freizeitstätten. In der Statistik sind die Besucherzahlen zwischen Jungen und Mädchen einigermaßen ausgeglichen, betrachtet man jedoch die Anzahl der Stammbesucher, dann sind Jungen mit 80 % überrepräsentiert. In Freizeitstätten arbeiten Sozialpädagoginnen/Sozialpädagogen, wenn Jugendliche Schwierigkeiten haben, können sie dort Hilfe und Unterstützung bekommen.

Nur: Viele Mädchen dürfen ab der Pubertät oftmals nicht mehr in Freizeitstätten gehen, weil diese einen Jungenüberhang haben. Sie werden vielmehr für familiäre Aufgaben in die Pflicht genommen und dürfen weniger in öffentlichen Räumen unterwegs sein. Bezogen auf das vorangegangene Thema (sexuelle) Gewalt, die meist im häuslichen Bereich stattfindet, heißt das für die Mädchen, dass sie damit auch seltener die Möglichkeit haben, sich Hilfe zu holen, z. B. bei einer Sozialpädagogin. Deshalb ist es dringend notwendig, dass es neben der Vielzahl an Freizeitstätten und Jugendzentren auch einige gibt, die ausschließlich für Mädchen zugänglich sind. Derzeit gibt es gerade mal zwei Mädchentreffs.

Auch die öffentlichen Plätze richten sich in ihrer Ausstattung im Wesentlichen nach den Interessen von Jungen und nicht nach denen der Mädchen. Ein Basketballplatz, der umzäunt ist, ist insofern für Mädchen, weil sie nicht mehr fliehen können, wenn es zu einem Übergriff kommt. Oftmals verlassen die Mädchen den Platz, wenn eine Gruppe Jungs kommt. Es wird zu wenig erhoben, welche Ausstattung den Mädchen entspricht. Das muss sich ändern.

  1. Die Wahrnehmung des Hilfebedarfs von Mädchen und jungen Frauen im Vergleich zu dem von Jungen/jungen Männern:

Einstiegsalter in die JuHi: 
14–18 Jahre Mädchen
6–18 Jahre Jungen

Durchschnittliche Verweildauer in der JuHi:
2,2 Jahre Mädchen
3,2 Jahre Jungen

Selbstmelderinnen aus Familien mit Migrationshintergrund:
58,6 % der Mädchen initiieren die Hilfe selbst
Eltern holen bei Jungen die Hilfe

Projekte in Klassen in Förderzentren:

Einmalig : längerfristig
38 : 19 Mädchen
21 : 31 Jungen

Streetwork
Erreichte Jugendliche bei Straßengängen:

Insgesamt: 3318 Jugendliche/junge Erwachsene

Davon: 1058 Mädchen/junge Frauen
2260 Jungen/junge Männer

Dem stehen folgende Zahlen gegenüber:

Beratungskontakte:
427 weiblich
244 männlich

Inobhutnahmen:
51,6 Mädchen
48,4 Jungen

In Verbindung mit den vorangegangenen Problemlagen, von denen Mädchen betroffen sind, kann hier nicht mehr gesagt werden, dass Jungen eben mehr Unterstützung benötigen. Vielmehr muss das Hilfesystem – müssen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Pädagoginnen und Pädagogen für die Bedarfe von Mädchen einen anderen Blick bekommen. Das Hilfesystem, die Schulen reagieren immer auf die nach außen gerichtete Aggression, die in der Regel von Jungen kommt. Sie übersehen bzw. nehmen das Leid der Mädchen, die Autoaggression, die Depression nicht wahr. Hier muss ein Bewusstseinswandel stattfinden.

Wir Fachkräfte müssen uns dazu mit den Rollenerwartungen, die wir haben, auseinandersetzen und eine entsprechende Sensibilität entwickeln.

Die Erwartung/Rollenerwartung an Mädchen im Umgang mit Problemen:

Mädchen

  • Verhalten sich eher autoaggressiv (Essstörungen, Ritzen, Ängste, mangelndes Selbstwertgefühl)
  • Familienbezogene Ursachen, familiäre Konflikte u. Entwicklungsauffälligkeiten
  • Gewalterfahrungen oder sexuelle Gewalterfahrungen
  • Mit Migrationshintergrund, eingrenzende erzieherische Vorgaben der Eltern, einengende Rollenvorgaben

Jungen

  • Stören in der Schule, in der Kita, fallen durch lautes, aggressives, nach außen gerichtetes Verhalten auf, Störungen im Sozialverhalten
  • Bei Migrationshintergrund keine eingrenzenden erzieherischen Vorgaben der Eltern, keine einengenden Rollenvorgaben
  • Schulische oder berufliche Probleme, Leistungsmotivation
  • Hyperaktivität, ADHS

 

  1. Der Hilfebedarf von Flüchtlingsmädchen und Flüchtlingsfrauen

Nun möchte ich noch zur Situation von Flüchtlingsfrauen etwas anmerken

Frauen sind von folgenden Gewalttaten betroffen:

  • Opfer von Menschenhandel: 500.000 bis 2 Mio. Menschen werden jährlich in die Prostitution, Zwangsarbeit oder Sklaverei verschleppt – 80 % der Opfer sind Frauen und Mädchen.
  • Genitalbeschneidung: ca. 130 Mio. Mädchen/Frauen sind beschnitten – vor allem in Afrika und in einigen Ländern des Nahen Ostens
  • Zwangsprostitution
  • Ehrenmord

UNRIC: Regionales Informationszentrum der Vereinten Nationen

In den Unterkünften in Deutschland gibt es einen Männerüberhang und das Szenario wiederholt sich für viele Frauen: Wir brauchen einen besseren Betreuungsschlüssel, sodass die Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen Zeit haben, wahrzunehmen und zu intervenieren.

Maßnahmen

Wir brauchen ein Umdenken in der Wahrnehmung von Problemen, d. h. wir brauchen ein geschlechtsspezifisches Bewusstsein und Fachwissen über Sozialisationsprozesse.

Demzufolge brauchen wir eine geschlechtergerechte Mittelverteilung, dazu die Kontrolle durch den öffentlichen Träger.

Wir brauchen den Ausbau von mädchenspezifischen Angeboten, insbesondere in der offenen JuHi.

Wir brauchen die Akquise von Ehrenamtlichen im Flüchtlingsbereich und Fördermittel für Träger, um Ehrenamtliche professionell anzuleiten.

Wir brauchen Spenden, um neben nicht ausreichenden Fördermitteln individuelle Hilfen gewährleisten zu können, z. B. kulturelle Freizeitangebote, medizinische Hilfsmittel, speziellen Förderunterricht, das Erlernen von Musikinstrumenten …

Herzlichen Dank für Ihre Offenheit und Ihr Interesse!